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    Trauma-Therapie bei Kindern und Jugendlichen

Bis vor etwa 25 Jahren gingen selbst Fachleute noch davon aus, dass Kinder nur sehr geringe, sowie schnell vorübergehende psychische Folgen auf traumatische Erlebnisse zeigen würden. Erst seit dem Jahr 1988 wird die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)“ auch bei Kindern und Jugendlichen vergeben. Seit dieser Zeit wird das Gebiet der Kinderpsychotraumatologie zunehmend beforscht, werden nach und nach auch spezielle Methoden und Strategien für die traumatherapeutische Behandlung von Kindern entwickelt.
Die Spannbreite der Kinder und Jugendliche betreffenden traumatischen Ereignisse reichen von Unfällen, Natur- und Umweltkatastrophen über außerfamiliäre Gewalterlebnisse bis hin zu chronischer familiärer Gewalt, Vernachlässigung und emotionalem Missbrauch.
Die Schwere der Trauma-Folgestörungen betroffener Kinder und Jugendlicher hängt zum einen ab von Intensität, Dauer und Häufigkeit der erlebten Traumata, zum anderen - wenn es sich um erlittene zwischenmenschliche Gewalt handelt - v.a. davon, ob diese von einer nahen Bezugsperson oder von entfernteren Bekannten oder Fremden ausging und mit welchem Ausmaß von Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht diese Gewalterfahrungen für das Opfer verbunden war.
Man geht heute in der Fachwelt davon aus, dass Kinder bereits im 1. Lebensjahr Trauma-Folgestörungen entwickeln können.

Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen muss aus heutiger Sicht  in erster Linie die Bedürfnisse des Opfers nach Sicherheit, Trost und Kontrolle befriedigen, den durch das Trauma geschädigten Selbstwert stärken und die Betroffenen dabei unterstützen, wieder selbstwirksam handeln zu können.

Voraussetzung für den Beginn einer trauma-therapeutischen Behandlung ist zunächst zwingend die Beendigung der traumatischen Situation und der reale Schutz vor weiteren Traumatisierungen, die gegeben Unterstützung des Opfers durch Bezugspersonen und soziales Umfeld und die reale Veränderung der Lebensumstände der Betroffenen. Auch das soziale Umfeld (Eltern, Pflegeeltern, Erzieher, Lehrer etc.) benötigt adäquate Aufklärung und Psychoedukation über traumaspezifische Phänomene (Folgestörungen in den Bereichen Fühlen, Denken und Handeln; Trigger, physiologische und neurobiologische Zusammenhänge etc.) und mitunter Unterstützung bei der eigenen Aufarbeitung des Geschehenen. Nur gestärkte und informierte Erwachsene sind in der Lage, traumatisierten Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg zur Heilung hilfreich zur Seite zu stehen.

Therapieziel: Das anvisierte Ziel einer trauma-therapeutischen Behandlung ist immer die Neuverarbeitung des traumatischen Geschehens. Die Wege dorthin führen grundsätzlich – wie in der Erwachsenen-Traumatherapie auch – über eine ausgiebige Phase der Stabilisierung und die anschließende spezifische Traumaverarbeitung hin zur erst dann möglichen Integration des Erlebten als einen schwierigen, aber nicht länger das gegenwärtige Leben beeinträchtigenden Teil der persönlichen Vergangenheit.

Spezielle Trauma-Therapiemethoden: Neben den - auch in der Behandlung erwachsener Traumaopfer - bekannten und bewährten psychotherapeutischen Verfahren wie unter anderem EMDR, kognitiv-behaviorale Therapie, Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie, Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie, Hypnotherapie, Psychodrama, Somatic Experiencing, welche mittlerweile meist selbst eine für Kinder adaptierte Version entwickelt und veröffentlicht haben, gibt es in der Zwischenzeit auch eigens auf die speziellen Entwicklungsstufen und Bedürfnisse von Kindern angepasste Verfahren (Traumabezogene Spieltherapie, Strukturierte Trauma-Intervention, Narrative Expositionstherapie für Kinder etc.).

Braucht mein Kind eine traumatherapeutische Behandlung?

Individualität: Nicht jedes Kind reagiert auf das gleiche traumatisierende Ereignis in gleicher Weise. Je nachdem, in welchem Lebensumfeld und in welcher Entwicklungsstufe es sich befindet, wie viele Stärken und Fähigkeiten (Resilienz) ihm zur Verfügung stehen und wie die jeweiligen Kontextbedingungen des oder der Ereignisse (hilfreiche Bindungsperson anwesend, schnelle Hilfe, unmittelbare Entfernung aus der Gefahrenzone etc.) waren, wird es heftige, mäßige oder auch gar keine Folgesymptome zeigen. Man geht inzwischen davon aus, dass nicht jedes erlebte Trauma im individuellen Organismus zwangsläufig Traumafolge-Störungen auslöst. Manchmal scheint eine unmittelbare und/ oder intrusive Trauma-Intervention geradezu kontrainduziert.
Dagegen erscheint das Auftreten von deutlichen Persönlichkeits- und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern infolge eines oder mehrerer traumatischer Erlebnisse immer als ein Hinweis auf eine Traumafolgestörung, insbesondere auf die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Seelische und körperliche Auffälligkeiten, die Eltern und Pflegepersonen an den Kindern feststellen können, bewegen sich in den traumaspezifischen Bereichen

  • Vermeidung
  • Hypervigilanz (vegetative Übererregung) und
  • Wiedererleben

Zum ersten Bereich der „Vermeidung“ zählen Symptome wie Vermeidung aller Gedanken, Gefühle, Personen, Handlungen etc., welche Erinnerungen an das Trauma auslösen könnten. Mitunter wird das Traumaerlebnis selbst oder wesentliche Teil davon verdrängt. Einher gehen mit diesem Vermeidungsverhalten meist sozialer Rückzug, eingeschränkte Reaktibilität und sinnentleerte Zukunftsvorstellungen.
Zum zweiten Bereich der „Übererregung“ gehören Symptome wie Ein- und Durchschlafstörungen, Schreckhaftigkeit, erhöhte Reizbarkeit, Konzentrations- und Merkfähigkeitsschwierigkeiten, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit und weitere Zeichen.
Schließlich umfasst der Symptomkomplex „Wiedererleben“ unkontrollierbare, plötzliche und beängstigende Erinnerungen an das Trauma selbst (Bilder, Gefühle, Geräusche, Gerüche), Alpträume sowie dissoziative Zustände (wie neben sich stehen, nicht ansprechbar sein, abwesend sein, nicht mehr fühlen können) die durch sogenannte traumaspezifische Trigger (Hinweisreize) ausgelöst werden. Jüngere Kinder zeigen beim Spielen häufig Endlosschleifen des immer gleichen, sog. „traumatischen“ Spiels.

Früh-, chronisch und komplex-traumatisierte Kinder können im Laufe ihrer Entwicklung Auffälligkeiten in nahezu allen somato-psychischen Lebensbereichen zeigen: Zum Beispiel auffällige Bindungscharakteristika, Reinszenierungen, Selbstverletzungen, Dissoziation, Depersonalisation, dysfunktionale Affektregulation, Desorganisiertheit, dissoziales Verhalten, Substanzmittelmissbrauch, negatives Selbst- und Fremdbild, chronisches Opfer- oder Täterverhalten, Beeinträchtigungen im kognitiven, sozialen und emotionalen Bereich.

Behandlung: In solchen Fällen bedarf es einer umfassenden und vernetzten Zusammenarbeit aller am Fall beteiligten Personen, Helfer und Institutionen (Zum Beispiel Jugendamt, Pflegeeltern, Heime, HPTs, Psychotherapeuten, Ärzte und andere Institutionen), um dem jeweiligen Kind adäquat helfen und die Folgen der Frühtraumatisierung begrenzen zu können.

Unbedingt Traumatherapie!  Sind die oben genannten Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung bzw. die einer komplexen Trauma-Folgestörung („Developmental Trauma Disorder“ nach Van der Kolk, 2005) gegeben, sollte dringend traumatherapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden – das Kind und die Familie können sich hier nicht mehr selbst helfen und benötigen Hilfe von speziell geschulten Fachleuten.

Traumatherapeuten:
Sind psychotherapeutisch ausgebildete Fachleute (Diplom-Psychologen, Ärzte, Sozialpädagogen, Pädagogen) für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie mit einer oder mehreren therapeutischen Grundausbildungen (Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Psychoanalyse) und einer  zusätzlichen Fachausbildung in Traumatherapie.

Es gibt auch Heilpraktiker für Psychotherapie, Geistliche und Sozialpädagogen, die eine traumatherapeutische Zusatzausbildung absolviert haben, Hier müssen die Betroffenen die Kosten für die Behandlung jedoch selbst bezahlen.

Informative Links (Auswahl)

 

Literaturquelle:
Landolf, Markus; Hensel, Thomas: Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen  Hogrefe, 2008

 

Weitere Informationen über Literatur folgen. Haben Sie bitte noch ein wenig Geduld!

 


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